Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

Hamburger Ärzteblatt 12 2015

Abb. 4: Medizinische Wochenschrift „Der Arzt“ Abb. 3: Unzers Schrift von 1746 zum Leib-Seele-Problem 351 2 | 2 0 1 5 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T zustand der Nerven setzt. Es folgen, wie der Autor sagt, „unter dem Einfluss des Schreib- gottes“, weitere Arbeiten, so eine „Abhandlung über das Seufzen“ oder „Gedanken vom Ein- fluß der Seele auf ihren Körper“ (Abb. 3). 1748 war er mit einer Arbeit über das Niesen „De Sternutatione“ promoviert worden. 1751 kam er über Hamburg ins dänische Altona, wo er eine lukrative Praxis übernahm. Er hatte kurz zuvor geheiratet. In Altona fielen Schreiblust und Begabung Unzers auf frucht- baren Boden. Das 18. Jahrhundert war die Zeit der „Moralischen Wochenschriften“, die für das gebildete Bürgertum als Medien der Aufklärung kursierten. Ihre Namen waren z.B. „Der Biedermann“, „Die Matrone“, „Der Weltbürger“, „Der Gesellige“ oder „Der Hy- pochondrist“ (6). Sinn der unterhaltsamen, lehrreichen Hefte war es, wissenschaftliche Ergebnisse gut verständlich zu vermitteln, die Leserschaft aber auch mit Gedichten und Rei- sebeschreibungen zu erfreuen und Rat in allen Lebenslagen zu geben. Unzer wird mit seinem Journal „Der Arzt. Eine medizinische Wochenschrift“ (Abb. 4), für die er seit 1759 Herausgeber und nahezu alleiniger Autor ist, hochberühmt. „Der Arzt“ erscheint seit 1759 in 313 Wochenausgaben mit 4.130 Seiten (7). Bereits 1760, ein Jahr nach Erscheinen, war die Nachfrage so groß, dass der erste Jahrgang unverändert nachge- druckt wurde. „Der Arzt“ wendet sich an den medizinischen Laien, und Unzer begründet sein Erscheinen in der Vorrede damit, dass „keine Wissenschaft, nächst der Sittenlehre, allen Menschen so nützlich und unentbehrlich ist, als die allgemeine Kenntnis der Grundsät- ze der Gesundheit und der Verhaltensregeln bei allen Vorfällen des menschlichen Lebens“. Es sei der Hauptgrund seiner Arbeiten, auch Nicht-Ärzten das zu vermitteln, was zu wissen nötig sei, „um länger und besser zu leben als man gemeiniglich lebt“ (8). Wir finden nach dem Muster der Moralischen Wochenschrif- ten ein buntes Sammelsurium von Aufsätzen und Gedichten. Es geht um die Behandlung verbreiteter Krankheiten, Unfälle, um Ernäh- rung und Ausschweifung, um Wein, Tabak und Kochrezepte, Kindesaufzucht, Sitten in anderen Ländern, Mode oder das Zusammen- spiel von Leib und Seele: „Es gibt keine einzige Leidenschaft, welche nicht die Bewegung des Herzens, den Umlauf des Geblüts, das Atem- holen, die Wirkung der Lebensgeister in allen Teilen, kurz, alle Lebensbewegungen verän- dern, und, in Vergleichung gegen den vorher- gehenden Zustand der Gemütsruhe, vermeh- ren oder heftiger machen sollte. Die Furcht, die Kleinmüthigkeit selbst, sind hiervon nicht ausgenommen …“(9). Die Sprache Unzers ist persönlich, lebendig und humoristisch. Er richtet sich mit fingier- ten Briefen direkt an seine Leser. Die vermeint- lichen Autoren stattet er mit humorvollen Na- men aus: Herr Hastig, Herr Haberecht oder Fräulein v. Stich, das an Flöhen leidet. So lässt er einen Bombastus Quadratus Horribilis den Beweis antreten, dass „die Gelehrsamkeit eine Krankheit des Menschen sey“. In dieser köst- lich zu lesenden Satire schreibt er: „So wie die Gelehrsamkeit wuchs und die Wissenschaften empor stiegen, schwächten sich die Naturen der Menschen und verkürzte sich ihr Leben … gelehrt kann man nicht werden, ohne seine Kräfte zu schwächen und Leben und Gesund- heit aufzuopfern … Die izt eingerissene Mode, dass jedermann studieret, überhäuft uns mit Krüpeln, welche zu allen anderen Diensten unnütz, und doch im Reiche der Gelehrsam- keit selbst völlig entbehrlich sind.“ Der Autor ist sicher, dass – falls sich unter seinen Lesern Gelehrte finden sollten – sie sich nach der Lektüre seiner Schrift ins Bett legen würden, einen Doktor rufen lassen und ihn bitten wür- den: „Herr, haben Sie Mitleiden mit mir; denn ich bin ein Gelehrter! Stehen Sie mir in meiner Gelehrsamkeit bey! Ich habe das Unglück, die Logik zu verstehen; ich bin mit der Algebra befallen; ich habe die Metaphysikpein…“(10). Der publizistische Erfolg des „Arzt“ war groß. Zu seinen Lesern zählten Goethe, Lichten- berg, Kant, Jean Paul und Gellert. Die Zeit- schrift war eines der am meisten gelesenen Periodika, und die Auflagen, Neuauflagen und Raubdrucke gingen in die Tausende. Zweifelhaftes Wundermittel 1764 indes war Unzer erschöpft und gab sei- nen „Arzt“ und 1769 auch seine Praxis auf. Offensichtlich lässt ihn der „Schreibgott“ aber nicht los, er will sich ganz als „Gelehrter oder Schriftsteller“ betätigen (11). Die Schriftstellerei ist nicht seine einzige Ein- nahmequelle. Schon im „Arzt“ hatte er auf ein von ihm entwickeltes Medikament hingewie- sen. Dies führte zu einem berühmt geworde- nen Streit mit dem Altonaer Stadtphysikus J. F. Struensee. Es handelt sich um das Pulvis Digestivum Unzeri – oder Album Graecum – ein Geheimmittel, mit dem er eine gute Wir- kung auf Verdauungs- bzw. hypochondrische Beschwerden versprach. Struensee hatte sich in einem höhnischen Artikel „Lobrede auf die Hunde und das Album Graecum“ gegen Un- zer geäußert. Er bringt das Mittel mit den wei- ßen Exkrementen von Hunden, die Knochen gefressen haben, in Verbindung (12). Auf Un- zer war ein Schatten gefallen. In einem Brief von 1768 begründet er seine „Charlatanerey“ mit der Notwendigkeit seiner „Selbsterhal- tung“ und vergleicht sein Handeln mit dem eines Predigers, der Beichtgeld nimmt, auch wenn dies nicht ehrenhaft sei. Er soll durch sein Geheimmittel viel Geld verdient und mit seiner Frau ein geselliges Haus geführt haben. Unzer überlebte seine Frau um 17 Jahre und starb 72-jährig im April 1799. In seinem 2. Testament aus dem Jahre 1788 hinterließ er seinem Neffen sowie seinen Hausangestellten Immobilien, Mobilien, die Geheimrezeptur seines Album Graecum sowie 3.200 Reichsta- ler (13). Am 18. November wurde seine Biblio- thek versteigert. Es wurden 5.220 Lose aufge- rufen, Zeugnisse seiner umfassenden Bildung, nicht nur in Medizin, Philosophie, klassischer und zeitgenössischer Literatur. Sein Interesse an lebenszugewandt-praktischen Dingen do- kumentiert sich in einer „Anleitung zum Kü- chengartenbau“ sowie in einem Buch „Schä- fers bequeme Waschmaschine“(14). Literaturverzeichnis im Internet unter www.aekhh.de/haeb-lv.html Dr. Antje Haag Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin E-Mail: antjehaag@online.de 3512 | 2015 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T

Seitenübersicht