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Hamburger Ärzteblatt 12 2015

16 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 1 2 | 2 0 1 5 Hilfsbereitschaft Zahlreiche Ärzte und medizinische Fachkräfte sind bei der Versorgung von Flüchtlingen im Einsatz. Hier berichten drei von ihnen über ihre Erfahrungen. Tatkräftig und voller Idealismus Herausforderung Viele Hamburger Vertragsärzte und -psychotherapeuten setzen sich für die unkomplizierte und umfassende Versorgung von Flüchtlingen ein. Von Walter Plassmann Beeindruckendes Engagement Dr. Berit Löwnau, Allgemeinärztin in eigener Praxis in Hamburg-Pop- penbüttel: Ich betreue als Hausärztin minder- jährige unbegleitete Flüchtlinge aus einem Wohnhaus in Poppenbüttel. Im Sommer habe ich mich, wie andere Kollegen auch, beim Gesundheitsamt Hamburg-Altona gemeldet, um bei der ärztlichen Versorgung der ankommen- den Flüchtlinge zu helfen. Seitdem war ich ein paar Mal am Hauptbahnhof im Einsatz, entweder am Mittwochvormittag oder am Wochenende, wenn meine Praxis geschlossen ist. Die Hilfe ist sehr einfach, ich gebe Schmerzmittel aus und Antibiotika oder lege bei exsikkier- ten Leuten eine Infusion. Manchmal sind auch echte Notfälle dabei: Menschen mit einem Herzinfarkt oder einer Nierenkolik. Sie so kurz vor ihrem Ziel Skandinavien von der Notwendigkeit eines Klinikaufenthalts zu überzeugen, ist nicht immer einfach. Ansons- ten sehe ich Infektionskrankheiten, die man bei uns kaum noch kennt: offene Tbc, Scabies, Bilharziose. Am Hauptbahnhof helfe ich ehrenamtlich. Dafür musste ich meine Berufshaftpflichtversi- cherung erweitern. Jetzt bin ich auch für diese Einsätze versichert. Harald Siemen, Notfallsanitäter der Stadt Flensburg und Geschäftsführer des Falck Deutschland e.V.: Mitte September hatte die DB den Falck e. V. angefragt, ob wir helfen könnten, die Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahn- hof zu versorgen. Sie campierten damals in der Wandelhalle. Innerhalb von 24 Stunden stellten wir aus Vereinsmitteln zwei Zelte auf und teilten unsere ehren- amtlichen Ärzte, Rettungs- und Notfall- sanitäter in Schichten ein. Sie opferten dafür ihren Urlaub, ihre Semesterferien oder ihre Freischichten. Vor Ort hatten wir drei Behandlungsplätze und einen Platz für die Not- fallversorgung. In vier Wochen versorgten wir über 1.000 Patienten. Unsere Hauptaufgabe war zu sichten, wer intensivere medizinische Hilfe braucht und wer einen Arzt sehen oder sogar ins Krankenhaus muss. Unser jüngster Patient war ein auf der Flucht geborenes Frühchen aus Syrien, die älteste Patientin nach eigener Angabe über 100 Jahre. Sponsoren unterstützten uns mit Logistik und Sachleis- tungen, und wir konnten auf ein tolles Netzwerk aus Übersetzern und weiteren Ärzten zurückgreifen. Mittlerweile hat der paritätische Wohlfahrtsverband uns am Hauptbahnhof abgelöst. Eine große Herausforderung ist immer auch ein Prüfstein für ein be- stehendes System: Der momentane Zustrom von Flüchtlingen nach Hamburg ist ein solcher Prüfstein. Und wieder einmal ist der Beweis erbracht, wie flexibel und leistungsstark die Strukturen der ambu- lanten vertragsärztlichen und -psychotherapeutischen Versorgung sind. Ein schlagender Beweis für die Kraft und die Notwendigkeit der Selbstverwaltung.Viele Hamburger Vertragsärztinnen und -ärzte und Vertragspsychotherapeutinnen und -psychotherapeuten setzen sich für die unkomplizierte und umfassende Versorgung von Flüchtlin- gen in der Hansestadt ein. Sie behandeln diese Patientengruppe als Honorarärzte in Erstaufnahmeeinrichtungen, am Hauptbahnhof, im fahrenden Notdienst und in ihren Praxen. Die Flüchtlinge beginnen gerade, die normale Regelversorgung stär- ker zu nutzen. Wir gehen zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, dass diese Inanspruchnahme der ambulanten Regelversorgung im kom- menden Jahr weiter ansteigen wird – und zwar dann, wenn viele Flüchtlinge aus den Erstaufnahmeeinrichtungen in die Folgeunter- künfte gewechselt sein und erste Erfahrungen mit der vertragsärzt- lichen Versorgung, ihren Rahmenbedingungen und ihren Abläufen gemacht haben werden. Die Vertragsärzte in Hamburg sind so hervorragend aufgestellt, dass eine schnelle Integration der Flüchtlinge in das Regelsystem gewähr- leistet ist. Außerdem gibt es vergleichsweise günstige Rahmenbedin- gungen: Die Stadt hat schon im Jahr 2012 entschieden, Flüchtlinge über die AOK Bremen/Bremerhaven zu versichern. Dies war ein wichtiger Schritt, um einen überbordenden Verwaltungsaufwand zu vermeiden. Dass die Flüchtlinge so einen relativ mühelosen Zugang zur gesetzlichen Regelversorgung haben, ist aus medizinischer und verwaltungstechnischer Perspektive der einfachste und gleichzeitig der beste Weg, denn er gewährleistet, dass alle Menschen in Hamburg auf demselben Niveau (Flüchtlinge erhalten in Hamburg die gesetzli- che Regelversorgung mit geringen Einschränkungen) und unter den gleichen Qualitätsstandards behandelt werden. Weil der Registrierungsprozess in den Erstaufnahmeeinrichtungen ins Stocken geraten ist, dauert es allerdings eine gewisse Zeit, ehe die Flüchtlinge offizielle Versichertenkarten erhalten. Auch diese Situati- on wird von den Ärzten und Psychotherapeuten in Hamburg gemeis- tert: mit Ruhe und Improvisationstalent. Das ist beeindruckend. Frau Prüfer-Storcks, die Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz, hat allen KVH-Mitgliedern für ihre Arbeit gedankt. Zu Recht. Walter Plassmann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH) Alle Informationen, die Vertragsärzte zur Versorgung und zur Abrech- nung von Leistungen für Flüchtlinge benötigen, sind auf der Home- page der KVH zusammengestellt. Außerdem werden im Infocenter der KVH (Tel. 22802-900) Fragen zu Organisation und detailliertem Leistungsumfang beantwortet. ©MichaelZapf;privat(2);dpa D A S T H E M A 16 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 12 | 2015

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