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Hamburger Ärzteblatt 12 2015

151 2 | 2 0 1 5 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T Dr. Sibylle Quellhorst, seit November 2014 in der Dratelnstraße. „Sie tun nichts anderes als in Ihrer Praxis auch“, ermutigte Breest die anwesenden Ärzte. „Zwei Ärztinnen machen bei uns die pädiatrische Sprechstunde, wir haben wunderbare Dolmetscher, einen PC mit me- dizinischer Software, Telefon, Fax, einen Kühlschrank für Impfstoff, einen abschließbaren Medikamentenschrank und eine gespendete Liege fürs EKG“, sagte der Allgemeinmediziner. Allerdings: „Gleich am ersten Tag brach der Sturm los. 50 bis 60 Patienten standen vor der Tür. Wir hatten zwölf bis 15 Patienten erwartet.“ Wie in der Sportallee so unterstützen auch in der Dratelnstraße Kinderärzte vom Mariahilf Krankenhaus, zweimal pro Woche kom- men eine Psychotherapeutin und ein Psychiater sowie eine Heb- amme. „Die Sprechstunde findet im Container statt, Dolmetscher geben mir oft wertvolle Informationen“, sagte Quellhorst. Schwierig sei noch die Dokumentation (siehe Hamburger Ärzteblatt 9/15). Wenn ein Labor notwendig sei, werde gezielt getestet, erläuterte Breest. Und Nießen ergänzte: „Labore rechnen direkt mit der So- zialbehörde ab, hierfür sind nur noch Laborzettel als Auftrag nö- tig.“ Für eine Überweisung zum Facharzt reiche die normale KV- Überweisung mit Stempel „Bereich Sportallee“. Der Betreiber stelle dann den 24-Stunden-Schein aus. Schwierige Fälle schickt Breest mit einer ganz normalen Krankenhauseinweisung ins Krankenhaus. Auf die Frage einer Ärztin nach der Versorgung von Zahnschmer- zen bei Kindern sagte Quellhorst: „Die schicke ich sofort zum Zahnarzt, das ist akut und tut weh.“ Das Zahnmobil, eingeführt zur Versorgung von Obdachlosen, sei eine Option für Erwachsene, aber nicht für Kinder. Ein anderer Kollege wies darauf hin, dass die zahnärztliche Versorgung schon seit zweieinhalb Jahren ein Riesen- problem sei. Nicht jeder Husten ist eine Tuberkulose Unterstützung für die allgemein-medizinischen Sprechstunden kommt auch von Mitarbeitern der Bernhard-Nocht-Ambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Eine Hotline für den infektiologischer Konsildienst speziell für Erstaufnahmen ist in Ar- beit“, sagte Dr. Louise Roggelin. Sie erwarte keine dramatische Stei- gerung an Erkrankungen wie Tuberkulose. „Nicht jeder Husten ist eine Tuberkulose, und nicht jede Tuberku- lose ist ansteckend“, beruhigte sie. Bei Patienten aus Afrika solle man immer an Malaria denken, Symptome seien auch Monate nach der Einreise möglich. Zu achten sei darauf, dass Erkrankungen wie Masern auf dunkler Haut anders aussehen können als bei heller Haut. Bei syrischen Patienten sei kutane Leishmaniose keine Sel- tenheit. Zu den Aufgaben des medizinischen Personals in den allge­ meinmedizinischen Sprechstunden zählen: • Erkennen und Behandlung von akuten Beschwerden. Hierzu zählen vor allem Schmerzzustände, Hauterkran­ kungen, kleinere Wunden und Verletzungen, Rücken­ schmerzen, Erkältungserkrankungen und andere Infekte, Magen­Darm­Erkrankungen oder Herz­Kreislauf­Erkran­ kungen. • Soweit erforderlich, Erstversorgung und Weiterver­ weisung an niedergelassene Fachärztinnen und ­ärzte bzw. bei einem akuten Notfall an Krankenhäuser sowie Nachversorgung. • Versorgung von chronisch Kranken zur Vermeidung aku­ ter Beschwerden (z.B. Diabetes, Bluthochdruck). • Erstversorgung von Schwangeren bzw. Nachbetreuung bei Geburt und Weiterverweisung an niedergelassene Fachärztinnen und ­ärzte. • Soweit vor Ort möglich, medizinisch gebotene Vorsorge­ untersuchungen bzw. Weiterverweisung an niedergelas­ sene Fachärztinnen und Fachärzte (z.B. U­Untersuchun­ gen, Schwangerschaft). • In ausgewählten Einzelfällen Veranlassung einer Labor­ diagnostik im Rahmen einer Primärdiagnostik, z.B. bei Diabetikern, um die erforderliche Medikation bestimmen zu können. • Impfungen in Einzelfällen. Grundsätzlich werden Impflü­ cken im Rahmen der Erstuntersuchung geschlossen. Nur bei gegebenenfalls nachfolgend erforderlichen Impfungen, vor allem im pädiatrischen Bereich, werden diese durch die allgemeinmedizinischen Sprechstunden vorgenommen. • Für eine wegen akuter Erkrankungen oder Schmerzzu­ ständen erforderliche zahnärztliche Behandlung wird an die niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzte verwiesen. Akute Schmerzzustände sind bis dahin zu lindern. • Erstversorgung mit Arznei­ und Verbandsmitteln sowie Beratung und Begleitung auch bei fachärztlich verordne­ ter Medikation. (Auszug) Fachliche Standards für die allgemeinmedizinische Versorgung in den Erstaufnahmeeinrichtungen Nießen wies darauf hin, dass für die Verordnung medikamentöser Behandlungen inzwischen Rezeptformulare mit dem Kopf „Gesund- heitsamt Altona“ gedruckt werden. Darauf gehöre der Stempel der ZEA, der Arztname mit Unterschrift, auf der Rückseite solle „Asyl- bewerberleistungsgesetz“ vermerkt und die Adresse für die Apotheke angegeben werden. Die kostengünstigste Medikation sei zu wählen. Weitere Fortbildungen werden in der Fortbildungsakademie der Ärztekammer Hamburg in monatlichem Abstand angeboten, um Themen (z. B. Ablauf der Erstuntersuchung, Tropenmedizin, Derma- tologie, Psychopharmakologie, Umgang mit Traumatisierungen) zu vertiefen und Fragen für alle einheitlich klären zu können. Die Ärztekammer Westfalen-Lippe hat eine eLearning-Fortbildung zum Thema „Gesundheitliche Versorgung in (Erst-)Aufnahmeeinrich- tungen für Flüchtlinge“ konzipiert, die auch für Ärztinnen und Ärzte anderer Bundesländer interessant ist. Die eLearning-Fortbildung steht allen Interessierten über die Lernplattform ILIAS der Akademie für me- dizinische Fortbildung der ÄKWL und der KVWL kostenfrei zur Verfü- gung unter www.aekwl.de/ilias. Notfallversorgung von Flüchtlingen am Hauptbahnhof. Viele Menschen kommen erschöpft und krank in der Hansestadt an 1512 | 2015 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T

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