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Hamburger Ärzteblatt 05 2016

Bismarck mit seinem Leibarzt Ernst Schweninger (nach einem unvollendeten Gemälde Franz von Lenbachs). Aus: Georg Schwarz: Ernst Schweninger. Reclam, Leipzig 1941 350 5 | 2 0 1 6 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T Friedhof. Die Universität enthob ihn seines Amtes. Ein Gericht verurteilte ihn ebenso wie die Dame zu einer Gefängnisstrafe. Danach ließ er sich als Praktischer Arzt nieder und erwarb sich in kurzer Zeit einen weit über München hinausreichenden Ruf. Man kannte seinen Namen offenbar auch in Berlin, wo er Wilhelm von Bismarck, den Sohn des Reichs- kanzlers, erfolgreich behandelt hatte. Binnen Jahresfrist machte Schweninger aus dem 118 Kilogramm schweren und vielseitig leidenden Koloss nach 30 Kilogramm Gewichtsabnahme einen sportlichen Bergsteiger. Der Erfolg be- ruhte in diesem wie auch in anderen Fällen im Wesentlichen auf der Oertel-Terrainkur, einer Reduktionsdiät mit Einschränkung der Flüs- sigkeits- und Salzzufuhr, verbunden mit ab- härtenden Maßnahmen, frischer Luft und Be- wegung, vor allem aber auf der überzeugenden Persönlichkeit Schweningers, denn das Einhal- ten dieser Therapie verlangte viel Disziplin. 1884 siedelte Schweninger nach Berlin über. Auf Betreiben Bismarcks berief das Kultusmi- nisterium ihn als Professor für Dermatologie an die Charité, offenbar ohne Mitwirkung der Medizinischen Fakultät. Natürlich gab es Wi- derstand gegen dieses Vorgehen, wobei auch der Münchner Skandal wieder hervorgekehrt wurde. Rudolf Virchow, engagierter Abgeord- neter der Freisinnigen Partei im Preußischen Landtag und Gegner Bismarcks, warf dem Kultusminister Missachtung der öffentlichen Meinung vor. Der große Physiologe Emil Heinrich Du Bois-Reymond schickte Schwe- ninger auf dessen Vorstellungstour voller Wut die Visitenkarte zurück, schlechte Vorausset- zungen für ein gedeihliches Wirken. 1900 gab Schweninger seine dermatologische Tätigkeit auf, konzentrierte sich ganz auf die Leitung des neu erbauten Krankenhauses in Lichterfelde bei Berlin und machte es zu einer naturheil- kundlich ausgerichteten Einrichtung. Auch hier gab es viele Querelen mit ärztlichen und pflegerischen Mitarbeitern, besonders mit dem Chirurgen des Hauses, dem bekannten Carl Ludwig Schleich, da Schweninger die meisten Operationsindikationen ablehnte. 1906 verließ er Lichterfelde und siedelte zunächst nach Burg Schwaneck und später nach München über, wo er bis zu seinem Tode ärztlich tätig war. Schweninger war ohne Zweifel eine bedeuten- de und vor allem anregende Arztpersönlich- keit. Mit der zivilisationskritischen Betonung einer maßvollen und natürlichen Lebensweise steht er in der Tradition von Christoph Wil- helm Hufeland und dessen Hauptwerk „Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ von 1797 (HÄB 11/2012). Und wie Hufeland verstand es auch Schweninger, ein breites Pub- likum zu erreichen. Viele seiner Ideen wurden in der Zeitschrift „Die Zukunft“ verbreitet, de- ren Herausgeber, der einflussreiche Publizist Maximilian Harden, seine Kolloquien regelmä- ßig besuchte. Schweningers Scheitern in Berlin hatte zwei Gründe: Erstens naturheilkundliche Übertrei- bungen wie Ablehnung der Serumtherapie der Diphtherie, Ablehnung von Desinfektionsmit- teln im Krankenhausbetrieb und schließlich Ab- schaffung der Formulierung von Diagnosen ge- mäß Krankheitsnamen, weil doch Kranke und nicht Krankheiten behandelt werden sollten. Der zweite Grund war sein ungestümes Tempe- rament, verbunden mit der Lust zu provozieren und die Schulmediziner manchmal zu Recht, aber oft in maßloser Weise herabzusetzen. Der berühmte Arzt heiratete 1898 die geschie- dene Ehefrau seines Freundes, des Malers Franz von Lenbach. Dieser war ebenfalls mit dem Hau- se Bismarck freundschaftlich verbunden und malte zwischen 1874 und 1897 rund 80 Darstel- lungen Bismarcks. Lenbach hat die Beziehung zwischen dem Fürsten und seinem Leibarzt, dem „Schwarzen Tyrannen“, trefflich dargestellt. Literaturverzeichnis im Internet unter www.aekhh.de/haeb-lv.html Prof. Dr. Oswald Müller-Plathe ehemaliger leitender Arzt im Allgemeinen Krankenhaus Altona E-Mail: omueller-plathe@t-online.de prachtvoller Appetit.“ Bismarck ironisierte sich selbst gegenüber Besuchern gerne als folgsames Opfer seines „Schwarzen Tyrannen“, schrieb aber später in seinen Memoiren über diese Zeit: „Ich verfiel in einen Gesundheitsbankrott, der mich lähmte, bis Dr. Schweninger meine Krank- heit richtig erkannte, richtig behandelte und mir ein relatives Gesundheitsgefühl verschaffte, das ich seit vielen Jahren nicht mehr gekannt hatte.“ (2). Der schon fast totgesagte Bismarck lebte noch eineinhalb Jahrzehnte und amtierte noch sechs Jahre. Schweninger war durch die erfolgreiche Behandlung des Reichskanzlers zu einem berühmten Arzt geworden, zu dessen Patienten viele Prominente der Epoche gehör- ten, neben gekrönten Häuptern unter anderem Cosima und Winifred Wagner, Alfred Krupp, Ernst Haeckel, Leo Slezak und Paul Heyse. Schweningers Karriere 1850 in Freystadt (Oberpfalz) geboren, stu- dierte der Arztsohn von 1867 bis 1873 Medi- zin in München, habilitierte sich 1875 dort für pathologische Anatomie mit der Arbeit „Über die Transplantation und Implantation von Haaren“. 1879 endete die vielversprechende wissenschaftliche Karriere abrupt wegen eines Skandals. Schweninger war bei einem Lie- besabenteuer mit der Ehefrau eines Kollegen überrascht worden, angeblich sogar auf einem 3505 | 2016 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T

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