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Hamburger Ärzteblatt 05 2016

34 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 0 5 | 2 0 1 6 F O R U M M E D I Z I N Bismarcks „Schwarzer Tyrann“ Bild und Hintergrund Anfang der 1880er-Jahre wurde für jedermann in der Umgebung des 1815 geborenen Reichs- kanzlers Otto von Bismarck dessen starker physischer Verfall unübersehbar. Freunde und die Familie machten sich große Sorgen, politi- sche Gegner in Berlin – und die gab es in gro- ßer Zahl – frohlockten. Zwar waren die außenpolitischen Erfolge, die 1871 in der Gründung des Deutschen Kaiser- reichs gipfelten, sensationell gewesen, aber seither hatte ein Übermaß an zermürbenden innenpolitischen Aufgaben, Streitigkeiten und Intrigen die Kräfte des Fürsten Bismarck stark strapaziert. Man denke nur an den sogenann- ten Kulturkampf gegen die Katholische Kir- che, mit dem unter anderem die Zivilehe und die staatliche Schulaufsicht reichseinheitlich durchgesetzt wurden, und an den Kampf ge- gen die Sozialdemokratie (Sozialistengesetz). Rechtswesen, Bildungswesen, Militär, Post, Zoll, Eisenbahnwesen und vieles andere musste mit der Schaffung des Reichs in kürzester Zeit vereinheitlicht werden. Dabei hatte Bismarck es mit 25 staatlichen Einheiten von den kleins- ten Grafschaften bis zu selbstbewussten König- reichen zu tun. Doch die Politik war nicht die einzige Ursache des gesundheitlichen Niedergangs. Bismarck hatte sich einen exzessiven Lebensstil zugelegt, den schon in den 1860er-Jahren sein Freund und Kriegsminister Albrecht von Roon nach einer Kur in Karlsbad gerügt hatte. „… dürfen Sie ohne Versündigung nicht wieder in Ihre alte Lebensweise zurückfallen: Schlafen bis Mittag, Wachen bis zum Morgengrauen, Arbeiten bei Nacht und Essen für zwei bis drei!“ Im Frühjahr 1883 verschlechterte sich Bis- marcks Zustand rapide. Der langjährige Hausarzt hatte bereits resigniert und die Be- handlung dieses selbstherrlichen und unfolg- samen Patienten aufgegeben. Prof. Friedrich Frerichs von der Charité hatte die Diagnose Magen- und Leberkrebs gestellt, was dem Pa- tienten gegenüber verheimlicht wurde. Die Familie bat daraufhin den erst 33 Jahre alten Münchner Arzt Dr. Ernst Schweninger, der den Sohn Wilhelm von Bismarck erfolgreich behandelt hatte, nach Berlin. Sogleich nach der Ankunft untersuchte Schweninger Bismarck in der Reichskanzlei: „Ich fand S.D. (Seine Durchlaucht) aufgeregt und doch apathisch müde, leicht ermattet, von Gesichtsschmerz und Migräne geplagt, schlaf- und appetitlos, fahl von Gesichtsfarbe, von stürmischen Ma- generscheinungen und Verdauungsstörungen, mit belegter Zunge, haemorrhoidalen Zustän- den, sowie von Kreislaufstörungen (Ödemen an den Beinen, Krampfadern), abundanten und besonders nachts ungewöhnlich starkem Transpirieren heimgesucht.“ Bismarck wog 124 Kilogramm bei 1,90 Metern Körpergröße. Er hatte sich wegen der Gesichtsneuralgien einen unvorteilhaften Vollbart wachsen lassen, um das schmerzhafte Rasieren zu vermeiden. Ausschweifender Lebensstil Schweninger erklärte sich zur Behandlung un- ter der Bedingung bereit, dass der Fürst sich ohne Vorbehalte ihm, und nur ihm, anver- traue und auf keine „Einflüsterungen“, auch nicht aus der Familie, höre. Er empfahl nicht, sondern verlangte kategorisch eine Änderung der Lebensweise und machte respektvoll, aber unmissverständlich klar, dass er bei Nichtbe- folgung seiner Anordnungen die Behandlung abbrechen würde. Bismarck imponierte das of- fenbar. Er akzeptierte. Damit begann eine bis zu Bismarcks Tod im Jahre 1898 bestehende Arzt-Patient-Beziehung. Schweninger hatte einige Monate zuvor drei Tage als Gast auf Bismarcks Landsitz Varzin in Pommern zugebracht und kannte dessen Lebensstil und Essgewohnheiten genau. Die Anordnungen der Ärzte hatten den Fürsten nicht gehindert, Menüs wie das folgende mit bestem Appetit zu verzehren: Nach der Suppe eine fette Forelle, Hummer, Rauchfleisch, ro- hen Schinken, warmen Braten und eine Mehl- speise, und dazu wurden mehrere Burgunder- Radikale Therapie Gesundheitlich am Ende unterwarf sich Otto von Bismarck einer naturheilkundlichen Kur, die ihm sein Hausarzt Ernst Schweninger verordnete. Der erwartete vom Reichskanzler unbedingten Gehorsam bei der Befolgung. Mit Erfolg: Aus dem 124-Kilo-Koloss wurde ein jugendlich-elastischer Reiter. Von Prof. Dr. Oswald Müller-Plathe sorten probiert. Zudem glaubte Bismarck, nur nach reichlichem Genuss stark eingebrauter Biere schlafen zu können. Zum Frühstück wa- ren fünf Eier die Regel, in jüngeren Jahren auch wohl mal mehr. Feste Tischzeiten gab es nicht. Behutsam, aber bestimmt ordnete der Arzt die gesamte Lebensweise neu: Art und Menge der Nahrung, Trinkmenge, regelmäßige Bewegung, Arbeitszeiten und vor allem die Schlafgewohn- heiten. Die Probleme der Tagespolitik und die damit einhergehenden emotionalen Erregun- gen führten bei dem innerlich feinnervigen, von religiösen Skrupeln und politischen Ängs- ten gequälten „Eisernen Kanzler“ (bekannt sind seine Weinkrämpfe bei kontroversen Ver- handlungen) zu schweren Schlafstörungen und neuralgischen Gesichtsschmerzen, gegen die nicht selten auch Morphium verordnet worden war. Stattdessen behandelte Schweninger mit Wärmflasche, feuchtwarmen Umschlägen und gutem Zureden und setzte sich anfangs bis zum Einschlafen in einem Lehnstuhl ans Bett des Fürsten. Die Anordnungen des Arztes trafen den selbstherrlichen Patienten hart: Aufstehen um acht Uhr, anschließend eine Stunde Bewe- gung, Arbeiten ab zehn Uhr, festgesetzte Ruhe- und Essenszeiten. Am schlimmsten aber waren für ihn die Beschränkungen beim Essen und vor allem beim Trinken. Dass man ihm seinen Rotspon nicht mehr gönnte! Als Bismarck ein- mal keck-mutwillig die Diätvorschrift verletzte, bereitete Schweninger sofort seine Abreise vor. Dazu kam es dann aber nicht, weil sich eine heftige Gallenkolik mit Ikterus einstellte, bei der ein großer Gallenstein abging. Damit erle- digte sich auch die Diagnose Leberkrebs. Langsam, aber stetig besserte sich Bismarcks Zustand. Weihnachten 1883 meldete er dem Kaiser seine wiedergewonnene Rüstigkeit und empfing dessen Glückwünsche zur „Enthalt- samkeitskur“ (1). Der unvorteilhafte Vollbart verschwand nun auch wieder. Und ein Besucher in Varzin berichtete im Folgejahr: „Der Fürst ist brillant, jugendlich, elastisch, liebenswür- dig; reitet jeden Tag zwei Stunden, schläft gut, 34 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 05 | 2016

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