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Hamburger Ärzteblatt 05 2016

32 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 0 5 | 2 0 1 6 F O R U M M E D I Z I N Therapiealternative Ein 44-Jähriger leidet unter Clusterkopfschmerz und zusätzlich unter neuralgiformen Gesichtsschmerzen. Herkömmliche Medikamente sind bei dem Herzpatienten kontraindiziert. Doch es gibt eine Methode, beide Schmerzformen gezielt auszuschalten. Von Dr. Katrin Giesen, Prof. Dr. Arne May Der besondere Fall Ein 44-jähriger Patient stellt sich in der Kopfschmerzambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf vor und berichtet, seit 4 Jahren unter stärksten attackenartigen, streng rechtsseitigen, re- troorbital betonten Kopfschmerzen zu leiden. Diese gehen mit einer autonomen Symptomatik im Sinne einer ipsilateralen Lakrimation und konjunktivalen Injektion, Rhinorrhoe, Ptosis, periorbitaler Schwellung und Bewegungsunruhe einher. Die Häufigkeit dieser Schmerzen beträgt 4 bis 5 Attacken am Tag mit einer Dauer von 30 bis 120 Minuten, die Intensität ist mit 10/10 der visuellen Ana- logskala (VAS) sehr stark ausgeprägt. Diese Kopfschmerzattacken treten in zwei Episoden jährlich von jeweils 3 bis 4 Monaten auf. Initial sind die Kopfschmerzen häufiger in der Nacht aufgetreten, mittlerweile jedoch sehr häufig auch tagsüber. Neben diesen Beschwerden kommt es seit etwa 2 Jahren zusätzlich zu neuralgiformen Gesichtsschmerzattacken, die entweder zeit- gleich mit den Kopfschmerzen oder unabhängig davon auftreten. Diese einschießenden Schmerzattacken betreffen die gesamte rech- te Gesichtshälfte, entsprechend allen drei Trigeminusästen, und dauern maximal 1 bis 3 Sekunden. Sie treten spontan auf oder sind durch Essen, Zähneputzen oder auch kalten Wind getriggert. Auch bei diesen Gesichtsschmerzen gibt es beschwerdefreie Intervalle, teilweise gleichzeitig mit den Kopfschmerzen, teilweise unabhängig davon. Diagnose: Cluster-Tic-Syndrom Der neurologische Untersuchungsbefund ist vollständig unauffäl- lig, die bildgebende Diagnostik inklusive zerebraler Computerto- mografie und Kernspintomografie ist nicht wegweisend. Auch eine Liquoranalytik bleibt ohne pathologischen Befund. Es wird die Dia- gnose „Cluster-Tic-Syndrom“ gestellt. Als Cluster-Tic-Syndrom be- zeichnet man das gleichzeitige Auftreten einer Trigeminusneuralgie mit einem Clusterkopfschmerz, wobei die Attacken jeweils getrennt oder auch zusammen vorkommen können. Laut der aktuellen (drit- ten) Version der Kopfschmerzklassifikation sollen in diesem Fall beide Diagnosen vergeben werden, da nur eine differenzierte Be- handlung beider Kopfschmerzarten zu Kopfschmerzfreiheit führen kann (1). In der Literatur wird das Cluster-Tic-Syndrom in einzelnen Fällen und Fallserien sehr heterogen beschrieben, unklar ist immer noch, ob es sich um ein eigenständiges Syndrom handelt (2–6). Erstma- lig wurde der Begriff 1978 in einem Abstract als Bezeichnung für diese Symptomkonstellation verwendet (3). In den meisten Fällen beschreibt das Cluster-Tic-Syndrom das zufällig gemeinsame Auf- treten von Clusterkopfschmerzattacken und einer Trigeminusneu- ralgie. Verschiedentlich wurde jedoch auch diskutiert, ob beide Schmerzarten möglicherweise durch einen gemeinsamen Pathome- chanismus erklärt werden können (4, 5). Die drei verschiedenen Schmerzerscheinungen (isolierte Cluster- kopfschmerzattacken, isolierte Trigeminusneuralgieattacken und das gemeinsame Auftreten beider Schmerzarten) könnten durch eine Läsion erklärt sein, die myelinisierte und unmyelinisierte tri- geminale sensorische Fasern beeinträchtigt (6). In einer 2013 veröf- fentlichten Querschnittsstudie wiesen von 244 Clusterkopfschmerz- Cluster-Tic-Syndrom A. Mindestens 3 Attacken eines einseitigen Gesichts- schmerzes, der die Kriterien B und C erfüllt. B. Auftreten der Schmerzen im Versorgungsbereich eines oder von mehreren Ästen des N. trigeminus. C. Der Schmerz erfüllt mindestens 3 der folgenden 4 Kriterien: 1. wiederkehrende Attacken, die eine Sekunde bis zu 2 Minuten dauern, 2. starke Intensität, 3. elektrisierend, scharf, oberflächlich, stechend 4. auslösbar über eine Triggerzone oder durch Triggerfaktoren. D. Klinisch ist kein neurologisches Defizit nachweisbar. E. Nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen. Tab. 1: Diagnostische Kriterien der Trigeminusneuralgie (1) 32 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 05 | 2016

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