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Hamburger Ärzteblatt 05 2016

22 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 0 5 | 2 0 1 6 G E S U N D H E I T S P O L I T I K Ärzte stimmen für den Kittel Das Hamburger Ärzteparlament hält den Arztkittel für unverzichtbar: Einstimmig – bei wenigen Enthaltungen – verabschiedeten die Mitglieder der Delegiertenversammlung der Ärztekammer Hamburg bei ihrer 340. Sitzung eine Resolution, in der sie den Klinikkon- zern Asklepios auffordern, die angekündigte Abschaffung der Arztkittel zu überdenken. Der Konzern solle vielmehr eine in anderen Häusern eingeführte Regelung anwenden: Im direkten Patientenkontakt und bei inva- siven Maßnahmen solle die „Bare Below the Elbows“-Vorgehensweise mit kurzärmeligen Oberteilen gelten, ansonsten sollten Ärztin- nen und Ärzte die freie Wahl haben, ob sie einen Kittel tragen möchten oder nicht (siehe Kasten). Anders als von Asklepios behauptet, existiere nämlich keine Studie, die die explizite Abschaffung des Kittels empfehle. Aber auch sonst gab es Kritik am Konzern: Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsi- dent der Ärztekammer Hamburg und der Bundesärztekammer (BÄK), berichtete in seinem Lagebericht von der Schließung der I. Medizinischen Abteilung der Asklepios Klinik St. Georg zum 31. Dezember 2015. Die Delegierten hatten sich in ihrer Sitzung im Dezember gegen diese Maßnahme ausge- sprochen, die inzwischen trotzdem vollzo- gen wurde. Der Präsident berichtete von In- formationen, die ihn aus der Klinik erreicht hätten: Es gebe zurzeit keinen Chefarzt und statt vier nur noch zwei Oberärzte in einer zusammengefassten Abteilung, die internis- tische Fälle behandelt. Der Betrieb sei akut gefährdet: „Darüber müssen wir mit der Konzernleitung unbedingt reden“, forderte er und erntete breite Zustimmung des Ple- nums. „Wir müssen deutlich machen, dass unter der Personalpolitik von Asklepios die Patientenversorgung leidet. Darum müssen wir uns kümmern, wir sind doch die Anwäl- te der Patienten“, sagte Dr. Sebastian Eipper. Dr. Torsten Hemker stellte das Konzept in- frage, einen Chefarzt in verschiedenen Kli- niken einzusetzen, z.B. in den gynäkologi- schen Abteilungen der Asklepios Kliniken Harburg und Altona. Montgomery warnt vor Selbstdemontage Klare Worte fand Montgomery in seinem Lagebericht auch für die zum Teil sehr ag- 340. Delegiertenversammlung Bei der Sitzung im April stimmten die Delegierten gegen die Abschaffung des Arztkittels. Weiteres Thema war die Gebührenordnung für Ärzte. Von Sandra Wilsdorf gressiv und polemisch geführte Diskussion um die Reform der Gebührenordnung der Ärzte (GOÄ): „Diese Debatte hat hyste- rische Züge erreicht, und ich frage mich, ob alle Kollegen sich der Verantwortung bewusst sind, die sie gegenüber unseren Patienten, aber auch gegenüber der Politik und den Kolleginnen und Kollegen tragen.“ Da würden sich Verbände mit weniger als 10.000 Mitgliedern anmaßen, für die ge- samte deutsche Ärzteschaft zu sprechen, und gleichzeitig behaupten, die BÄK habe kein Mandat für die Verhandlungen zur GOÄ. „Ich bitte Sie, kehren Sie zurück zu demokratischen Prinzipien. Stellen Sie Ihre persönlichen Motive zurück und stellen Sie sich wieder hinter die verfasste Ärzte- schaft. Wer, wenn nicht die BÄK, sei denn von allen deutschen Ärztinnen und Ärzten legitimiert? Montgomery warnte: „Es sind die eigenen Kollegen, die die Reputation der Ärzteschaft zerstören.“ Dr. Bernhard van Treeck unterstützte ihn unter dem Ap- plaus der Delegierten: „Das gibt eine ganz schlechte Außenwirkung, die wir uns nicht leisten sollten. Am Ende nehmen uns Poli- tik und Patienten nicht mehr ernst.“ Mit Verwunderung hat die Delegiertenversammlung der Ärztekam- mer Hamburg am 11. April 2016 die Meldung der Asklepios Klini- ken zur Kenntnis genommen, den Arztkittel zur Verbesserung der Patientensicherheit abschaffen zu wollen. Begründet wurde dies mit angeblichen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Robert-Koch-Instituts. Diese existieren jedoch nicht! Die amerikanische „Society for Healthcare Epidemiology“ hat eine Literaturübersicht zu diesem Thema (1) herausgegeben mit dem Ergebnis: Es konnte in keiner Studie gezeigt werden, dass Arztkittel stärker verunreinigt sind als kurzärmelige Arbeitskleidung (2–7). Eine Arbeit aus Jerusalem zeigte sogar, dass Kasacks von Pflegekräften mit doppelt so vielen resistenten Keimen wie Kittel kontaminiert waren (6). Auch konnte in keiner Studie gezeigt werden, dass durch die „Bare Below the Elbows (BBE)“-Vorgehensweise Infektionsraten gesenkt wer- den konnten (8–9). Trotzdem scheint sie in den Sondersituationen des engen Patientenkontakts und bei invasiven Maßnahmen sicherlich sinnvoll. Es spricht aber nichts dagegen, über einem Kasack, beispiels- weise bei Patienten- und Angehörigengesprächen, auf fremden Stati- onen und im Gelände, einen Arztkittel zu tragen. Die Schutzfunktion des Kittels besteht insbesondere darin, die Kontaminationen der unter ihm getragenen Kleidung zu verhindern, sodass im Patientenzimmer Resolution: Arztkittel sind im Krankenhaus auch weiterhin unverzichtbar nach Ablegen und Händedesinfektion die BBE-Vorgehensweise erst recht effektiv wird. Der Arztkittel hat aber noch weitere wichtige Funk- tionen: Neben seinem unstrittigen Placeboeffekt dient er auch als ein klares Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Berufsgruppen. Dieses ist umso wichtiger, da bei der zunehmenden arbeitsteiligen Organisation der Krankenhäuser immer mehr Berufsgruppen am Patienten tätig werden. Unsere immer älter werdenden Patienten mit zum Teil eingeschränkter Seh- und Hörleistung sind schon jetzt hier- durch belastet. Sie noch weiter zu verunsichern, weil sie bei Wegfall des Kittels ihre Ärztin/ihren Arzt nicht mehr sofort als Ärztin/Arzt erkennen können, kann nicht erstrebenswert sein. Ein Namensschild kann kein Ersatz sein. Gleichfalls kommt dem Arztkittel ein ganz besonderer Erkennungswert in Notfallsituationen und auf fremden Stationen zu. Aus diesem Grund tragen auch Polizisten, Feuerwehr- männer, Sanitäter und Soldaten eindeutig erkennbare Uniformen. DieÄrztekammerHamburgfordertdaherAsklepiosauf,dieAbschaffung derArztkittelzuüberdenkenundvielmehrdiebereitsinanderenHäusern eingeführteRegelunganzuwenden:ImdirektenPatientenkontaktundbei invasivenMaßnahmengiltdieBBE-Vorgehensweise,ansonstenhatdie Ärztin/derArztdiefreieWahl,einenKittelzutragenodernicht. Literaturverzeichnis im Internet unter www.aekhh.de/haeb-lv.html Die Delegierten verabschieden einstimmig bei wenigen Enthaltungen die Resolution gegen die Abschaffung der Arztkittel: 22 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 05 | 2016

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