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Hamburger Ärzteblatt 05 2016

210 5 | 2 0 1 6 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T Mein Lehrstuhl für Hochschuldidaktik der Medizin war am Interdis- ziplinären Zentrum für Hochschuldidaktik an der Universität ange- siedelt. Es ging in erster Linie darum, die neue Approbationsordnung umzusetzen. Von den Professorenkollegen wurde ich eher reserviert empfangen. Meine wesentliche Aufgabe am Anfang bestand in der Fortführung einer problemorientierten Studieneingangsphase. Eine mit Tutorinnen und Tutoren durchge- führte Orientierungseinheit in den ersten zwei Wochen sollte auf Studium und Be- ruf vorbereiten. Im Fachbereichsrat musste ich sehr kämpfen, um mich mit dieser Idee durchzusetzen. Wäre es nicht eine C4-Stelle und der Rückhalt durch die Studierenden groß gewesen, hätte ich es nicht geschafft. An ihrem ersten Tag an der Uni haben die Studierenden bereits mit Patienten gespro- chen, die sich zu ihrer Wahrnehmung der Medizin und über ihre Behandlung äußer- ten. Das war neu und sehr eindrucksvoll für sie. Das Gleiche galt für die Berufsfelder- kundung, die ja später Pflichtveranstaltung wurde, mit besonderen Schwerpunktthe- men wie Arbeit und Gesundheit, Ethik in der Medizin, Behinderte in der Gesellschaft. Da haben Studierende zum Beispiel eine Fa- milie mit behindertem Kind besucht. Gro- ßes Interesse fand auch das Schwangerenprojekt, wobei jede und jeder Studierende eine Geburt erleben konnte. So gab es viele Ein- drücke bereits am Anfang, die sie sonst im Studium nicht erfahren hätten. WieverliefdererstegesamtdeutscheÄrztetag1991inHamburg? Es herrschte eine veränderte, fast entspannte Atmosphäre. Es wa- ren mehr Delegierte, und die Beiträge zeigten, dass aus Ostdeutsch- land interessierte Berufsvertreter gekommen waren, die noch keine „Funktionärskarriere“ hinter sich hatten. Mir kam es so vor, als seien wir damals plötzlich viel näher dran gewesen an dem, was man ein Ärzteparlament nennen kann. Der frische Wind tat uns gut. Also veränderte sich die Atmosphäre auf den Ärztetagen? Auf dem Ärztetag 1975 in Hamburg wurden wir noch als grüne Spinner und rote Chaoten beschimpft, doch im Laufe der Zeit merk- ten wir, dass von mehr und mehr Kammern kritische Delegierte teil- nahmen. Dadurch konnte vieles in Bewegung gesetzt werden. Der Ärztetag 1989 in Berlin bedeutete dann eine entscheidende Wen- de, die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus begann. David Klemperer gab damals ein bewegendes Statement ab, und dann wurde diskutiert über die immer hinausgeschobene Frage, wer und wie viele Ärzte beteiligt waren. Der Beschluss am Ende der Diskussi- on war wie ein lang überfälliges Schuldeingeständnis. Bei Gründung der Ärzteopposition Mitte der 1970er-Jahre sagten viele mit Blick auf die starren Strukturen: „Hier machen wir nicht mit.“ Aber nun wussten wir, es hatte sich gelohnt dranzubleiben. Ein Wandel hin zu Verständigung sowie Toleranz und Respekt gegenüber unterschiedli- chen Positionen vollzog sich. Man muss auch „mitregieren“ können im Vertrauen darauf, dass sich die Verhältnisse mit der Zeit ändern. Jetzt sind Sie in Hamburg Ehrenpräsident. Passt ein solches Ehrenamt zu Ihrem Kurs? Klar könnte manch einer meinen: Jetzt ist der Kahlke Ehrenpräsi- dent und zeigt das übliche Funktionärsgehabe. Ich möchte unkon- ventionell bleiben. Ich habe anfangs überlegt, ob ich das Ehrenamt ablehne. Ich frage mich immer: Habe ich Kurs gehalten? Wenn man sicher ist, dass man seinen aufrechten Gang nicht eingebüßt hat, dann meine ich, kann man auch solche Positionen übernehmen. Für mich wäre es einfach zu sagen, ich mache das nicht, aber es zeigt auch, jemand „aus dem anderen Lager“ kann so eine Position annehmen, ohne sich zu verbiegen. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, als Ehrenpräsident teilzunehmen. Was wünschen Sie zukünftigen Ärztetagen? Dass sie primär von den Versorgungsbedürfnissen der Patienten ausge- hen. Das heißt, dass standespolitische immer um die gesundheitspolitischen Ziele erweitert werden. Das Gesundheitswesen ist eine Auf- gabe des Staates, mit der man keine Geschäfte machen darf – so wie man mit Wasser versorgt werden muss. Der Hang, Gesundheit immer mehr unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu sehen, hat zu erheblichen Klimaverände- rungen geführt. Assistenten empfinden ihren Arbeitsplatz heute ganz anders als vor 20 oder 30 Jahren. Sie arbeiten unter einem gewissen Druck, es kann schnell mal eine Reduzierung der Stellen geben. Kürzere Liegezeiten bedeu- ten zum Beispiel automatisch auch wesentlich mehr Arbeit für die Bediensteten. Ich sehe die große Gefahr, dass wirtschaftliche Erwä- gungen letztlich der Qualität einer humanen Krankenversorgung entgegenstehen. Ist das Sache der Ärztetage?, kann man sich fragen, aber bei allem Verständnis für die Wahrung standespolitischer Interessen gehört es dazu, dass wir Ärzte uns bei unserem Entscheiden und Handeln von den Anforderungen und Aufgaben einer humanen Medizin leiten lassen. Vielen Dank für das Gespräch. Das Programm des 119. Deutschen Ärztetags in Hamburg finden Sie auf Seite 40. Nicola Timpe (M.) und Dorthe Kieckbusch trafen Prof. Kahlke in der Ärztekammer Hamburg 8. Juni 2016 - 16:00 Uhr Hotel Louis C. Jacob - Hamburg Ärztliche Fortbildung. Anmeldungen per E-Mail an: info@labor-lademannbogen.de oder telefonisch unter 040-5805183. Prof. Dr. G. S. Hotamışlıgil Harvard School of Public Health Diabetes and Nutrition 2105 | 2016 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T

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