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Hamburger Ärzteblatt 05 2016

20 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 0 5 | 2 0 1 6 G E S U N D H E I T S P O L I T I K Prof. Dr. Winfried Kahlke – ein Leben für die Gesundheitspolitik des Vorstands der Ärztekammer Hamburg. Für die ärztliche Fortbildung hat er sich außerordentlich engagiert und war von 1994 bis 2002 Vorsitzender des Fortbil- dungsausschusses. 1998 wurde er wegen seines Engagements für die ärztliche Fortbildung mit der Ernst-von-Bergmann- Plakette ausgezeichnet. Sein Engagement galt der Vertretung demokratischer Prinzipien, dem Eintreten für Minderheiten und Menschenrechte. Es habe ihn gefreut, sagte Prof. Dr. Montgo- mery, dass Prof. Kahlke diese Ehrung ent- gegennimmt:„Prof. Kahlke hat ethische Fragestellungen aufgeworfen und als kri- tischer Denker begleitet.“ Damit habe er immer auch zum Dialog mit auch gegen- sätzlichen Auffassungen aufgefordert. Bei so mancher Auseinandersetzung, die es im politischen Diskurs selbstverständlich auch gegeben habe, sei es doch immer die zutiefst demokratische Grundhaltung gewesen, die er an ihm schätze. gewesen, meinen Vertrag nicht zu verlängern. Aber ich hatte Glück in meiner wissenschaftlichen Arbeit. Ich entdeckte die Phytansäu- re, Speichersubstanz bei der Refsum-Krankheit, einer sehr seltenen hereditären Polyneuropathie. Es kam zu internationalen Kontakten und einer Vortragsreise in die USA. Die- se wissenschaftliche Endeckung hat dann mein Verbleiben an der Universitätsklinik Heidelberg gesichert. Die ersten Ärztetage ab 1969 erlebten Sie als Fachvertreter Medizin der Bundesas- sistentenkonferenz. Wie erging es Ihnen dort? Der Ärztetag war nicht vergleichbar mit den hochschulpolitischen Gremien. Ich war den harten Dialog gewohnt, wir haben inhaltlich gestritten und entschieden. Mein erster Ein- druck vom Deutschen Ärztetag war, dass es so etwas dort überhaupt nicht gab. Ich hatte das Gefühl: Das ist nicht meine Welt. Meine ersten Redebeiträge wurden als Dif- famierung empfunden, ich erntete Buhru- fe, das musste ich aushalten. Es gab keine Streitkultur. Wir wollten aber was erreichen und waren uns einig, dass dies nur über Konfrontation gehen kann. Das passte wie- derum den damals führenden Standesver- tretern ganz und gar nicht und verleitete diese im Dezember 1972 zur sogenannten „Inquisition von Köln“ (Berliner Ärzteblatt 2/73, Anmerkung der Red.). Wir Fachvertreter der Bundesassistentenkonferenz wurden einer ziemlich lächerli- chen Befragung unterzogen, die darauf zielte, uns wieder aus dem Präsidium des Deutschen Ärztetags auszuschließen. Daraus wur- de jedoch nichts, die Entscheidung wurde vertagt. Man fühlte sich offenbar bis dato, trotz Kritik seitens der Politik, relativ geschützt innerhalb der Ärzteschaft. Das änderte sich auf dem Ärztetag 1973 in München. Was passierte beim Deutschen Ärztetag 1973? Wir hatten Empfehlungen zu den „Gesundheits- und sozialpoliti- schen Vorstellungen des Deutschen Ärztetags zur Reform des Ge- sundheitswesens“ (Vorgänger des Blauen Papiers, Anmerkung der Red.) entwickelt, die auf dem Ärztetag in München vorgelegt werden sollten, was aber „vergessen“ wurde. Eine Delegierte des Ärz- tinnenbunds fragte couragiert nach, wo das Papier abgeblieben sei. Daraufhin wurde es in aller Eile nachgedruckt – wobei tatsächlich auch noch der Drucker zu brennen anfing – kein Scherz. Unsere bittere Erfahrung war, dass unsere Anträge abgelehnt wurden wegen der Antragsteller, nicht wegen des Inhalts. Ich wollte nicht provozieren, aber ich wollte meine Meinung äußern. Wenn sie provokant wirkte, war das für mich kein Grund, sie nicht zu äußern. Sätze wie „Wenn die Ärzteschaft so weitermacht wie bisher, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Gesundheitspolitik an uns Ärzten vorbei entwickelt wird“ und „Sewering bedeutet einen Ruck nach rechts“ waren natürlich für manche Journalisten ein gefundenes Fressen. In einem anderen Papier ging es um die lang überfällige Reform zur Versorgung psychisch kranker Menschen. Die Ablehnung dieser Vorschläge zur Humanisisierung der Psychiatrie durch die Mehrheit der Delegierten – es war der 77. Deutche Ärztetag 1974 in Berlin – war für uns ein Skandal. Wir legten daraufhin unser Mandat als Dele- gierte nieder und sind mit diesem Entschluss in die laufende Presse- konferenz reingeplatzt. Das war dann der nächste Skandal. Wie war die Begrüßung in Hamburg nach dieserVorgeschichte? Im Frühjahr 1974 bekam ich den Ruf nach Hamburg. Der damalige Schriftleiter Hänisch hat anlässlich meiner Berufung im Hamburger Ärzteblatt vor den „unanständigen Methoden der Linken“ gewarnt. schuldidaktik der Medizin und widmete sich hier der Reform des Medizinstudi- ums, lüftete„den Muff unter den Talaren“, ging neue Wege und initiierte Orientie- rungseinheiten, Berufsfelderkundungen sowie den Einsatz von Tutoren. Besonde- res Augenmerk galt dem problemorien- tierten Lernen und dem Projekt Poliklini- scher Unterricht, an dessen Entwicklung er maßgeblich beteiligt war. Neben seinem beruflichen Wirken am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf galt sein Engagement immer auch der ärztlichen Berufspolitik, zu der er über die Hochschulpolitik kam. Von 1983 bis 2014 war er durchgehend Mitglied der Kam- mer- bzw. der Delegiertenversammlung der Ärztekammer Hamburg für die Liste „Hamburger Ärzteopposition“ und ging neben einer stets konstruktiven Mitarbeit auch deutlichen politischen Auseinan- dersetzungen nicht aus dem Weg. Er war 1986 bis 1994 und 1998 bis 2002 Mitglied 1969 nahm Prof. em. Dr. Winfried Kahlke als Delegierter der Landesärztekammer Baden-Württemberg zum ersten Mal am Deutschen Ärztetag teil, in den darauffol- genden Jahren auch in seiner Funktion als Assistentensprecher. Ab 1987 war er dann bei 19 Ärztetagen als Hamburger Delegierter dabei. Nach dem Medizinstudium in Kiel und Heidelberg erhielt Kahlke 1961 die Ap- probation, war dann wissenschaftlicher Assistent am Physiologisch-Chemischen Institut der Universität Köln. Bei seinen biochemischen Studien identifizierte er Phytansäure als Substrat der Refsum- Krankheit, einer Speicherkrankheit mit schweren neurologischen Ausfällen. 1972 wurde er Facharzt für Innere Medizin, und folgte 1974 dem Ruf nach Hamburg und kam so seiner alten Heimat in Brokstedt in Schleswig-Holstein wieder etwas näher. Er wurde Professor für Medizindidaktik am neu gegründeten Lehrstuhl für Hoch- Winfried Kahlke war schon als Student in der Hochschulpolitik aktiv ©ÄrztekammerHamburg Ärzt k inken“ 20 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 05 | 2016

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