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Hamburger Ärzteblatt 04 2016 - Editorial

Vertrauen ist gut und unbedingt notwendig 3 0 4 | 2 0 1 6 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T E D I T O R I A L „Es darf nicht sein, dass Indikationen durch die Renditeerwartung des Krankenhauses beeinflusst werden.“ Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Dies soll ein Leit- spruch von Wladimir Iljitsch Lenin gewesen sein, der viel- leicht noch an seinem Krankenbett galt, denn sonst hätte er nicht 40 Ärzte benötigt. Das hat aber weitere Schlaganfälle des Revolutionärs nicht verhindert. Kann Kontrolle unse- rer Arbeit nützlich sein? Gern möchte ich als Arzt alle Daten der Qualitätssiche- rung nutzen und daraus lernen oder mich im Peer-Review- Verfahren mit Fachkollegen austauschen. Und als junger Arzt wünschte ich mir die Supervision des Erfahrenen. Ich möchte mich aber ungern in einem Klima des Misstrau- ens kontrollieren lassen müssen. Dies würde meine Arbeit nicht verbessern und Patienten nicht sicherer machen, dass sie richtig behandelt werden. Nein: Vertrauen ist die Basis und unbedingt notwendig. Vertrauen ist etwas Wunderbares: Wenn ich zum Beispiel meine Koffer an der Schweizer Bergstation unbeaufsichtigt stehen lassen kann, weil der Pferdewagen erst am nächs- ten Tag kommt. Oder wenn die Haustür nie abgeschlossen wird. Misstrauen dagegen macht mich unsicher, wenn ich etwa in der fremden Großstadt ständig mit Taschendieb- stahl rechnen muss. In der Bank, in der Autowerkstatt oder beim Versicherungsvertreter fühle ich mich nicht viel bes- ser als in der fremden Großstadt: Nach verschiedenen Be- ratungserfahrungen ist mein Urvertrauen hier gründlich verloren gegangen. Mein Vertrauen in den Arzt oder Zahnarzt möchte ich aber keinesfalls verlieren! Als Patient wünsche ich mir Ärztinnen und Ärzte, die mir nach sorgfältiger Abwägung möglicher Therapieoptionen den für mich besten therapeutischen Rat geben, unabhängig von wirtschaftlichen Erwägungen und Zwängen. Dies ist eigentlich selbstverständlich und seit Hippokrates die Grundlage ärztlichen Handelns. Da- bei kann es durchaus unterschiedliche Sichtweisen geben, Chirurgen denken anders (und schneller) als Neurologen. Es darf aber nicht sein, dass die OP-Indikation durch die Renditeerwartung des Krankenhausträgers beeinflusst wird, die bei Privatkliniken ja gern zweistellig sein darf. Ich habe großen Respekt vor Ärzten, die persönliche Nachteile in Kauf nehmen, um unabhängig zu bleiben und das Ver- trauen ihrer Patienten nicht zu missbrauchen. Vertrauen ist die Grundlage einer erfolgreichen Behand- lung. Vertrauen in die Therapie mindert die Verunsiche- rung und fördert die Compliance – auch soweit, dass in klaren Fällen nicht unbedingt eine Zweit-, Dritt- oder sogar Viertmeinung eingeholt werden muss. Der Patient sollte seinem Arzt vertrauen können, dass dieser Rat von Kollegen sucht, wenn es ihm erforderlich erscheint. Wenn das Vertrauen fehlt, werden Zweitmeinungsverfahren der Krankenkassen und der Politik (Versorgungsstärkungsge- setz) mich als Patienten vielleicht weiter verunsichern und die Mengenentwicklung von Eingriffen auch nicht nach- haltig beeinflussen. Kontrolle ist nicht immer besser! Vom Arzt meines Vertrauens erwarte ich auch, dass er sich ausreichend und unabhängig fortbildet. Gerade bei Fort- bildungen über neue orale Antikoagulanzien ist die Indus- trie sehr aktiv und kooperiert eng mit Experten und Fach- gesellschaften. Allen Kolleginnen und Kollegen, die mit diesem Thema befasst sind, empfehle ich sehr den Beitrag von Dr. Hans Wille, Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und gänzlich unabhängig von der Pharmaindustrie (S. 26). Sehr lesenswert ist auch das Titelthema „Bewegung“ (S. 12), denn Patienten möchten von ihren Ärzten differenziert und auf die jeweilige Er- krankung bezogen informiert werden. Liebe Kolleginnen und Kollegen, es gibt eine gute Nach- richt: Patientinnen und Patienten haben (noch) Vertrauen zu ihren Ärzten. Wir sollten es bewahren, es ist die Basis unserer Arbeit. © Hanna Karstens Prof. Dr. Christian Arning Schriftleiter des Hamburger Ärzteblatts 04 | 2016 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T

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