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Hamburger Ärzteblatt 04 2016

19 0 4 | 2 0 1 6 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T hoher Identifikationsfähigkeit, starkem Leis- tungsethos und erheblicher Kränkbarkeit. 2. Ärzte verfügen über spezifische Kenntnisse letaler Suizidmethoden. 3. Ärzte im Kranken- haus (er-)leben eine hierarchisch strukturierte Arbeitswelt mit hoher psychosozialer Belas- tung und Arbeitsdichte, in der Schwäche und Bedürftigkeit verleugnet werden und Privat- leben kaum Platz findet. So spielen Probleme im Privatleben eine große Rolle als Auslöser für Suizid bei Ärzten. Immer erreichbar sein für Hilfe, alles gut und heil machen wollen, gleichzeitig Macht- und Unterwerfungskon- flikte mit den Chefs und Konkurrenz auf glei- cher Ebene aushalten müssen und vor allem für Ärztinnen die Doppelbelastung von Beruf und Familie – diese Probleme benannten die Workshop-Teilnehmenden aus dem eigenen Erleben heraus. Der Tenor im Workshop lautete: „Wir haben bisher keinen guten Weg gefunden, uns gegenseitig zu helfen. Wir ver- halten uns gnadenlos gegeneinander. So we- nig, wie wir Fehler bei uns selbst akzeptieren können, so wenig tun wir es bei den anderen.“ Und so waren sich alle einig: Um dieses Ver- halten langfristig ändern zu können, muss das Thema Arztgesundheit innerärztlich weiter in den Fokus gerückt werden. Doch für eine erfolgreichere Suizidprävention müsse man zunächst einmal überhaupt an Suizidalität denken (awareness) und die Signale erken- nen, erläuterte Lindner. Zieht sich ein Kollege aus sozialen Kontakten und auch emotional zurück? Verhält sich ein Kollege kühl und ab- lehnend? Wird die Arbeitsleistung schlechter? Fühlt man sich plötzlich im Gespräch mit ei- nem Kollegen irgendwie anders? Äußert ein Kollege vielleicht sogar diffuse Wünsche wie „einfach weg sein“ zu wollen? Wichtig ist es, so Lindner, diese Beobachtungen aufzugrei- fen und direkt anzusprechen. „Hinweise soll- te man immer ernst nehmen“, rät er weiter. Schnelle Lösungsvorschläge, Ratschläge oder Lebensweisheiten seien jedoch nicht hilfreich. Prävention beginnt im Studium Das ewige Mantra, das frühe Erkennen und Behandeln psychischer Störungen würde Sui- ziden vorbeugen, sei nicht ausreichend, da der unmittelbare Zusammenhang nicht immer gegeben ist, sagte Lindner. Damit Studentinnen und Studenten besser auf ihren Beruf und die damit verbundenen gesundheitlichen Gefahren vorbereitet sind, sollte bereits im Studium über Stressoren im Arztberuf informiert, Vorbeugemaßnahmen und Bewältigungsstrategien sollten disku- tiert werden. Der professionelle Umgang mit Arbeit in existenziellen Lebenssituationen („Leben und Sterben“) sowie die Fähigkeiten zu Distanz und Grenzziehungen bei gleich- zeitiger professioneller Zuwendung müssten entwickelt werden. „Balintgruppen und Inter- vision sollten bereits Bestandteil des Studiums sein“, empfahl Lindner. „Persönliche Reifung kann man nicht lernen oder verordnen, aber Themen immer wieder zu benennen, sensi- bilisiert langfristig. Begrenztheit, Ohnmacht und Hilflosigkeit im Arztberuf auszusprechen und anzuerkennen, hilft anderen, dies auch zu tun.“ Auch die Bedeutung einer gesunden Le- bensführung sowie von Freundschaften und Partnerschaften sollte als Thema nicht ver- nachlässigt werden. Für alle Teilnehmenden der Tagung und der verschiedenen Workshops war am Ende klar: Alle Facetten rund um das Thema Arztge- sundheit müssen langfristig verstärkt – zum Beispiel im Rahmen von Fortbildungen – dis- kutiertwerden,denn nursowerdenÄrztinnen und Ärzte gesundheitsschädliches Verhalten auf lange Sicht verändern können. Die Tagung wird deshalb voraussichtlich im kommenden Jahr wieder stattfinden. Mehr zumThema Arztgesundheit lesen Sie im Hamburger Ärzteblatt 2/15. Informati- onen über die Stiftung Arztgesundheit er- halten Sie unter http://arztgesundheit.de/. Der Begriff Resilienz (lat. resilire: abprallen) stammt ur- sprünglich aus der Materialforschung und bezeichnet die Fähigkeit, zur ursprünglichen Form zurückzukehren, nach- dem diese gebogen, zusammengedrückt oder gedehnt wurde. Der Workshop„Resilienz stärken – Wie bleiben Ärzte ge- sund?“ traf auf reges Interesse. Jeder Platz war besetzt, als zunächst die Frage im Raum stand: Was macht Ärzte denn am meisten krank? Wo liegen die Stressfaktoren? Auffal- lend und gleichermaßen erschreckend war, dass fast alle Teilnehmer sich erheblich überlastet und gestresst fühlten durch zunehmende Bürokratisierung, Dokumentierung, Absicherung, juristische Anforderungen und unendliche Anfragen von Kassen, Ämtern und Behörden, sodass eine vernünftige Arbeit mit Patienten nur auf Kosten der eigenen Kraft und erheblich verlängerter Arbeitszeiten möglich ist. Die eigentliche Arbeit am Patienten kam in der Stressanalyse nicht vor. Kurze Behandlungszeiten, dünne Personaldecke, hohe Frequenz der Schriftlichkeiten unter erheblichem Druck der Geschäftsleitungen wurden zusätz- lich im stationären Bereich beklagt. Die Resilienz zu stärken, die Widerstandsfähigkeit und Spannkraft zu erhöhen erweist sich als zwingend notwen- dig. Die Hinwendung zu sich selbst, abgegrenzte Zeiten für Entspannung und Ruheübungen waren Themen, und es Resilienz stärken – Wie bleiben Ärzte gesund? Erkenntnisse aus einem Workshop wurden kleine hilfreiche Übungen gezeigt und geübt, die in den Arbeitsalltag leicht eingebaut werden können, um wieder Kraft und Frische zu erlangen. Das Balancemodell von Dr. Nossrat Peseschkian wurde gezeigt und erläutert. Es geht da- von aus, dass der Mensch in Balance bleibt, wenn es gelingt, neben Arbeit und Leistung sich in etwa gleichen Teilen auf Körper und Geist, auf Familie und Freunde, sowie Zukunft und Fantasie zu besinnen. Noch länger hätte das Seminar dauern können – der Wunsch der Teilnehmer, mehr zu erfahren, sich besser zu wappnen, sich besser zu entspannen, war deutlich spürbar. Für mich als Leiterin des Seminars wurde klar: Die Ärztege- sundheit steht psychosomatisch flächendeckend auf dem Spiel – ein Feuer züngelt sozusagen und bricht nur deshalb noch nicht aus, weil die Ärzteschaft extrem leistungs-, aber auch leidensfähig ist. Es wird nicht genügen, die Resilienz durch Methoden und Wissen zu stärken – es wird weitrei- chende Veränderungen in den Arbeitsbedingungen geben müssen und die Einsicht, dass auch Ärzte nicht alles wissen, nicht an alles denken, nicht jede Nebenwirkung kennen und nicht alles dokumentieren können. Das Thema„Arztgesund- heit“ sollte zum Fortbildungsprogramm aller Ärztekammern gehören. Dr. Christiane Mörsel-Zimmermann, Ärztin für Neurologie und Psychiatrie sowie Psychotherapie, Wiesbaden 04 | 2016 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T

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