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Hamburger Ärzteblatt 04 2016 - Gesundheitspolitik

18 G E S U N D H E I T S P O L I T I K Die eigene Gesundheit ernst nehmen © Fotolia – tunedin H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 0 4 | 2 0 1 6 Prävention Im Februar fand zum ersten Mal die Tagung „Arztgesundheit“ statt. Gemeinsam mit der Stiftung Arztgesundheit widmete sich die Ärztekammer Hamburg diesem wichtigen Thema. Von Nicola Timpe Eine hierarchische Arbeitswelt, psychosoziale Belastungen und hohe Arbeitsdichte, in der kein Platz für Schwäche ist, können Auslöser für Suizide von Ärzten sein „Ärzte sind mehr als andere Berufsgruppen gesundheitlich gefährdet, doch der Umgang mit der eigenen Gesundheit ist bei vielen Ärzten verbesserungsfähig“, konstatier- te Prof. Dr. Jörg Braun, Chefarzt für Innere Medizin und Ärztlicher Direktor der Park- Klinik Manhagen in Großhansdorf sowie Mitbegründer der Stiftung Arztgesundheit, in seiner Begrüßung der rund 50 Ärztinnen und Ärzte, die im Februar an der Tagung „Arztgesundheit“ teilnahmen. Zwei Tage lang befassten sich die Teilnehmenden in Workshops mit den verschiedenen Facetten ärztlicher Gesundheit und sprachen unter anderem über Resilienzfaktoren, Kommuni- kation, Suchtgefahren, Infektionsrisiken und Burn-out. Referent PD Dr. Reinhard Lindner, Medizinisch-Geriatrische Klinik Albertinen- Haus und Zentrum für psychische Gesund- heit, nahm sich eines Themas an, über das bisher – auch unter Kollegen – kaum gespro- chen wird. „Suizidprävention bei Ärztinnen und Ärzten“ lautete der Workshop, der teil- weise sehr emotionale Wortbeiträge hervor- brachte und zeigte, wie wichtig es für Ärzte ist, über Wahrnehmung, Gefahren und prä- ventive Maßnahmen zu sprechen. Jeder Suizid hat eine Vorgeschichte „Streichen Sie mich für heute und weiterhin vom OP-Plan“ – mit diesem Satz verabschiedete sich ein Oberarzt per E-Mail von seinem Chef und aus seinem Leben. Als der Chefarzt die Mail öffnete, war sein Mitarbeiter bereits tot, die Mail hatte dieser über einen professionel- len Mail-Versand übermitteln lassen. Suizidiert hatte sich der 48-Jährige mit Sedativa und kar- diotoxischen Medikamenten. Der etwas jünge- re Chefarzt berichtete später von herrschender Rivalität zwischen ihnen, in der Interaktion mit Kollegen habe der Oberarzt zwischen Überen- gagement und Unnahbarkeit gewechselt. Lindner fragte in die Runde, welche Gefüh- le beim Lesen des an den Chef adressierten Textes aufkämen. Diese waren vielfältig und reichten von Schuldgefühlen über Hilflosig- keit bis hin zu Wut darüber, dass der Oberarzt über den Tod hinaus „noch das letzte Wort haben musste“. „Alle diese Gefühle haben Sui- zidale auch, die zentrale Angst ist der Verlust“, erklärte Lindner, der 18 Jahre lang das 2012 geschlossene Therapie-Zentrum für Suizidge- fährdete am UKE leitete. Warum begehen Menschen Suizid? „Kein Sui- zid hat keine Vorgeschichte“, sagte Lindner. Alle Gedanken, Gefühle und Handlungen seien auf Selbstzerstörung und Beendigung des Lebens ausgerichtet, weil sich eine Kri- se zugespitzt habe. Auslöser seien vor allem interpersonelle Konflikte, Trennungen, Tod, Kränkungen, berufliche Probleme, schwere Erkrankungen, Vereinsamung und Selbst- wertverlust. „Die Leitsymptome sind weniger psychopathologisch als erlebnis- und bezie- hungsorientiert“, erklärte er weiter. Und: Sui- zidalität ist nicht zwangsläufig an eine psychi- sche Krankheit gebunden. Erhöhtes Risiko bei Ärzten Das Suizidrisiko ist bei Ärzten um das 1,3- bis 3,4-Fache höher als in der Gesamtbevöl- kerung, bei Ärztinnen sogar um das 2,5- bis 5,7-Fache höher als in der weiblichen Gesamt- bevölkerung (Schwankungen ergeben sich aus der unterschiedlichen Studienlage, Anm. der Red.). Die Verteilung Männer und Frauen bei Ärzten liegt annähernd bei 1:1 (Gesamtbevöl- kerung 3:1). Erhöhte Suizidraten finden sich bereits bei Medizinstudenten und auch bei Zahnmedizinern und Veterinärmedizinern. Am häufigsten kommt es in den ersten Be- rufsjahren zum Suizid. Psychiater begehen mit Abstand am häufigs- ten Suizid – obwohl Psychotherapie seit fast 20 Jahren Bestandteil der Ausbildung ist – gefolgt von Anästhesisten, Chirurgen, Internisten, Neurologen und Allgemeinmedizinern. Ärz- te, die den Freitod wählen, vergiften sich meist oder nehmen Medikamente. Interaktion von drei Faktoren Die Interaktion dreier Faktoren spielt eine wichtige Rolle, wenn es um das Thema Su- izid bei Ärzten geht: 1. Ärzte haben eine spezifische altruistische Persönlichkeit mit H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 04 | 2016

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