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Hamburger Ärzteblatt 04 2016

16 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 0 4 | 2 0 1 6 von mindestens 60 Prozent der maximalen Herzfrequenz oder min- destens 50 Prozent der Maximalkraft erreicht werden (44). Im Laufe der Zeit sollte das Training progressiv gesteigert werden, beim Aus- dauertraining z.B. von 15 auf 25 Minuten und beim Krafttraining von 5 auf 20 Minuten pro Einheit (65). Die positiven Effekte einer Bewegungstherapie bei T2DM setzen relativ schnell ein und errei- chen nach einer Interventionsdauer von drei Monaten einen maxi- malen Effekt, der im weiteren Verlauf stabilisiert werden kann (65). Patienten mit T2DM sollten sich also idealerweise an der Mehr- zahl der Wochentage bewegen und dabei moderate bis hohe Trai- ningsintensitäten wählen. Eine Abwechslung der Trainingsform im Sinne von Ausdauer oder Kraft ist empfehlenswert. Das Training sollte regelmäßig überprüft werden: Umpierre et al. (2012) konnten in einem Review mit 47 randomisierten kontrollierten Studien zei- gen, dass ein überwachtes Bewegungsprogramm mit Vorgabe von Belastungsparametern und Trainingsinhalten deutlich effizienter ist als eine bloße Empfehlung zu mehr Bewegung oder besserer Ernäh- rung (68). Was passiert durch Bewegung? Die Auswirkungen eines regelmäßigen Ausdauertrainings sind viel- fältig und gut belegt: Erste Anpassungen sind eine Abnahme der Herzfrequenz in Ruhe und auf gleichen Belastungsstufen durch ein erhöhtes Schlagvolumen, verursacht durch ein größeres Füllungsvo- lumen bei vergrößertem Plasmavolumen. Im weiteren Verlauf sind es die Anpassungen der peripheren Muskulatur, die sich positiv auf die Herz-Kreislauf-Funktionen auswirken: Durch einen verbesserten aeroben Stoffwechsel wird der Zeitpunkt der muskulären Übersäue- rung in einen höheren Belastungsbereich verschoben. Das bedeutet eine geringere sympathoadrenerge Stimulation durch die peripheren Metaborezeptoren in der Muskulatur und erklärt die geringere Ka- techolaminkonzentration bei gleichen Belastungen nach einem Aus- dauertraining als Ausdruck eines reduzierten Symathikustonus (28). Dieser Umstand wird auch als „vegetative Umstellung“ bezeichnet. Erst sehr viel später in der „Hierarchie“ der Anpassungsprozesse, und auch nicht regelhaft bei allen Ausdauertrainierten, kann es dann zu der bekannten Herzgrößenzunahme kommen, die als „Sportherz“ bezeichnet wird (4). Weitere positive Auswirkungen körperlicher Aktivität auf den Orga- nismus sind eine Hemmung der Thrombozytenaggregation und eine gesteigerte Fibrinolyse, eine Normalisierung erhöhter Blutdruckwer- te sowie erhöhter Blutfette, eine verbesserte endothelvermittelte Va- sodilatation der Arterien – auch der Koronararterien (20) – durch Senkung einer abnormalen Endothelin-1-Freisetzung (63) sowie eine Vielzahl psychosozialer Effekte wie verbesserte Stimmungslage und allgemeines Wohlbefinden (41). Die präventiven und therapeutischen Effekte körperlicher Bewegung sind besonders ausgeprägt bei den sogenannten chronischen Erkran- kungen, die u. a. gekennzeichnet sind durch eine erhöhte Konzen- tration zirkulierender proinflammatorischer Interleukine (42, 48). Zu diesen sogenannten „low grade chronic inflammation diseases“ gehören neben der Arteriosklerose der Typ-2-Diabetes, verschiedene Tumorarten, neurologische Erkrankungen wie Demenz und Alzhei- mer sowie auch die Osteoporose. Der Grund für die therapeutischen Effekte von Bewegung bei so vielen auf den ersten Blick vollkommen unterschiedlichen Erkrankungen dürfte die Bildung antiinflammato- rischer Interleukine in der arbeitenden Muskulatur sein, welche eine Reihe antiinflammatorischer Reaktionen nach sich zieht (50). Verein- facht ausgedrückt kompensieren die aus der Muskulatur bei Bewe- gung freigesetzten antiinflammatorischen Interleukine die Wirkung der besonders aus dem viszeralen Fett freigesetzten proinflammatori- schen Interleukine (17, 50). Bewegung führt beim Typ-2-Diabetes zur Abschwächung der Wir- kung inflammatorischer Interleukine, die über eine verminderte In- sulinsensitivität an der Entstehung des Typ-2-Diabetes beteiligt sind (2), ebenso wie zur Steigerung des Glukosetransports in die Zelle durch eine vermehrte Ausbildung von GLUT-4-Transportmolekülen (29). Dieser Effekt von Bewegung auf die GLUT-4-Transporter ge- schieht unabhängig von Insulin und ist auch bei Typ-1-Diabetikern zu finden. Indikationsgerechte Dosierung Nicht nur Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen lassen sich neben anderen chronischen Erkrankungen durch eine gezielte Bewegungstherapie hervorragend behandeln. Auch für die Bewe- gungstherapie der Depression als psychiatrisches Krankheitsbild gibt es wissenschaftliche Evidenz, belegt durch ein Reihe von Cochrane- Reviews (8, 35, 55). Die Effekte von Bewegung unterscheiden sich dabei nicht signifikant von denen einer medikamentösen oder Psy- chotherapie. Insgesamt kann aus den vorliegenden Daten abgeleitet werden, dass es kaum eine chronische Erkrankung gibt, bei der ein individuell do- siertes Bewegungsprogramm nicht als ein wesentliches Co-Therapeu- tikum betrachtet werden kann. Wenn Bewegung aber ein sinnvolles Therapieprinzip darstellt, bedeutet das auch, dass die pathophysio- logischen Zusammenhänge der Wirkmechanismen bekannt sein sollten. Pauschale Empfehlungen wie „Machen Sie mal Sport“ bei Patienten mit chronischen Erkrankungen sind unangemessen. Kein D A S H E M A T Eine Kombination von Kraft- und Ausdauertraining in Intervallform ist bei Menschen mit einer Herzinsuffizienz die ideale Trainingsform 16 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 04 | 2016

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