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Hamburger Ärzteblatt 04 2016

14 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 0 4 | 2 0 1 6 kation um fast 40 Prozent verringert. Auch für die Prävention der häufigsten Krebserkrankungen liegen aus großen epidemiologischen Studien wie der Harvard Alumni Study (31) oder der Nurses’ Health Study (34) klare positive Effekte regelmäßiger Bewegung vor. Für Darmkrebs ist das Risiko um circa 30 bis 40 Prozent reduziert (32); bei Brustkrebs zeigen sich Reduktionen zwischen 15 und 37 Prozent (56, 66), für Lungenkrebs um circa 20 Prozent (32) bis 25 Prozent (67), wobei eine direkte Beziehung zwischen Risikoreduzierung und Bewegungsumfang zu bestehen scheint. Auch für die Osteoporose sind die präventiven Effekte durch Bewe- gung gerade für ältere Frauen belegt (58). Das Risiko von Hüftfrak- turen bei postmenopausalen Frauen ist bei körperlich aktiven um 55 Prozent reduziert (16). Sogar einfaches Spazierengehen von mindes- tens 4 Stunden pro Woche reduzierte das Risiko einer Hüftfraktur um 41 Prozent, erklärbar durch eine im Vergleich zu inaktiven signifikant höhere Knochendichte bei körperlich aktiven Menschen (54). Insgesamt gilt, dass präventive Effekte bereits durch sehr geringe Be- wegungsumfänge erreicht werden können und umso höher sind, je mehr sich der Mensch bewegt. Eine groß angelegte Kohortenstudie aus Taiwan untersuchte die Daten von über 400.000 Menschen über zwölf Jahre (70). Ein Bewegungsumfang von nur 15 Minuten pro Tag reduzierte die Mortalität als härtesten Endpunkt wissenschaftlicher Studien im Beobachtungszeitraum bereits um 14 Prozent; zusätzliche 15 Minuten pro Tag führten zu einer weiteren 4-Prozent-Reduktion. Kohortenstudien aus den USA kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Bei mehr als 650.000 Teilnehmern und durchschnittlichem Follow- up von 10 Jahren zeigte sich, dass ein Bewegungsumfang von 75 Mi- nuten pro Woche mit einer Erhöhung der Lebenserwartung um 1,8 Jahre verbunden war. Höhere Bewegungsumfänge waren noch effek- tiver: 150 Minuten pro Woche erhöhten die Lebenserwartung um 3,4 Jahre und 400 bis 500 Minuten pro Woche sogar um über 4 Jahre (38). Die zugrunde liegenden Mechanismen sind aus bewegungsme- dizinischer Sicht relativ einfach: Durch ein Missverhältnis von zu geringem Energieumsatz durch Bewegungsmangel bei gleichzei- tiger hyperkalorischer Ernährung kommt es zu einer vermehrten Bildung besonders des viszeralen Fetts, welches bei der Entstehung typischer chronischer Krankheiten eine wesentliche Rolle spielt: Es ist als Bildungsort von Hormonen des Renin-Angiotensin-Systems an der Entstehung des Bluthochdrucks beteiligt (62) und produziert eine Vielzahl proinflammatorischer Interleukine wie z.B. TNF alpha (6, 30), welche als Mitursache der Krankheiten diskutiert werden, bei denen eine erhöhte Entzündungsneigung im Körper besteht (s. u.). Regelmäßige Bewegung kann nicht nur die übermäßige Entstehung des viszeralen Fetts verhindern; Muskelarbeit führt zur Bildung und Freisetzung antiinflammatorischer Botenstoffe aus der arbeitenden Muskulatur (50). Dieser Mechanismus dürfte die positiven Effekte von körperlicher Aktivität auf eine große Anzahl anscheinend voll- kommen unterschiedlicher Erkrankungen erklären (s. u.). Bewegung als Therapie Heute ist mit höchster Evidenz belegt, dass richtig und individuell angepasste Bewegung nicht nur präventiv wirkt, sondern auch her- vorragende therapeutische Effekte bei einer Vielzahl von Krankheits- bildern hat (49). Im Rahmen von Rehabilitationsmaßnahmen nach operativen Eingriffen am Bewegungssystem sowie bei orthopädi- schen Erkrankungen ist Bewegungstherapie in Form von Muskel- kräftigungsprogrammen seit über 30 Jahren ein unverzichtbarer Be- standteil der Therapie; viele der heute routinemäßig durchgeführten rekonstruktiven Gelenkeingriffe wären ohne die Möglichkeiten einer postoperativen Trainingstherapie gar nicht denkbar (11, 52). Aber auch für die sogenannten „nicht übertragbaren Krankheiten“, die auch als „Zivilisationskrankheiten“ bezeichnet werden, liegen bemer- kenswerte Daten über ihre Beeinflussbarkeit durch Bewegung vor. Bewegung bei koronarer Herzkrankheit Für lange Zeit galt absolute körperliche Schonung als zentrales Ele- ment der Behandlung des Herzinfarkts. Erst in den 1960-Jahren wur- de damit begonnen, Patienten schon früh nach einem Infarkt mit kör- perlichem Training zu behandeln (12). Heute gilt als gesichert, dass körperliches Training die Überlebenszeit von KHK-Patienten durch Senkung der Gesamt-Mortalität um 20 Prozent bzw. der kardialen Mortalität um 26 Prozent verlängert. Dies wurde 2001 von Jolliffe et al. in einem Cochrane-Review auf der Grundlage von 32 randomi- sierten kontrollierten Studien mit insgesamt 8.440 Patienten gezeigt (25) und später in einem Update mit weiteren Zahlen bestätigt (64). Wesentlicher Mechanismus der Effekte von Bewegung auf die KHK scheint eine Beeinflussung ihrer Risikofaktoren zu sein. Bewegung bei Hypertonus Die Effekte eines moderat durchgeführten Trainings in Hinblick auf die Absenkung des systolischen wie auch des diastolischen Blut- drucks sind gut belegt. Bereits 1991 wurde von der Welt Hypertonie Liga körperliches Training als ein „cornerstone“ in der Behandlung des Hypertonus definiert (71). Die generelle Senkung des Blutdrucks durch körperliches Training scheint bei Hypertonikern deutlich hö- her ausgeprägt zu sein als bei Normotonikern: In einem Review von 105 Studien mit 3.986 Probanden fanden Cornelissen und Smart eine Blutdrucksenkung bei Hypertonikern durch Ausdauertraining von im Mittel 8,3 mmHg systolisch und 5,2 mmHg diastolisch (10). D A S T H E M A Einfache Alltagsbewegungen vermindern das Entstehungsrisiko chronischer Krankheiten Moderates Training hilft, den Blutdruck dauerhaft zu senken 14 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 04 | 2016

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