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Hamburger Ärzteblatt 08 2014

G E S U N D H E I T S P O L I T I K 24 H A M B U R G E R Ä R Z T E B L A T T 0 8 | 2 0 1 4 Dr. Dirk Heinrich, Vorsitzender der Vertreterversammlung der KVH und Bundesvorsitzender des NAV- Virchow-Bundes Der im Auftrag von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und NAV-Virchow-Bund durchgeführte „Ärztemonitor 2014“ hat eine hochinteressante Bestandsaufnahme der Situation niedergelassener Ärztinnen und Ärzte in Deutschland erbracht. Das wichtigste Ergeb- nis ist: Wir haben noch immer einen Traumberuf. Bemerkenswerte 98 Prozent der befragten Ärzte halten ihre Arbeit für nützlich und sinn- voll. 94 Prozent aller niedergelassenen Ärzte sagen, der Beruf mache ihnen Spaß. Es dürfte kaum eine andere Berufsgruppe geben, die ihre Aufgaben als derart befriedigend und erfüllend empfindet. Diese hohe Berufszufriedenheit in der niedergelassenen Praxis besteht trotz Rahmenbedingungen, die zunehmend als belastend empfunden werden. 39 Prozent der Praxisärzte sind unzufrieden mit ihrer wirt- schaftlichen Situation, 46 Prozent beklagen eine fehlende finanzielle Planungssicherheit. Hier muss Politik ansetzen und sicherstellen, dass Praxen, in denen voll gearbeitet wird und deren Wartezimmer voll sind, als Kassenpra- xis auch wirtschaftlich solide finanziert werden. Der Überschuss einer hausärztlichen oder fachärztlichen Praxis, in der durchschnittlich vie- le Patienten behandelt werden, muss mindestens dem Erlös aus ver- gleichbarer oberärztlicher Tätigkeit im Krankenhaus unter Umrech- nung der Sozialleistungen entsprechen. Als Basis muss aber auch die vergleichbare Arbeitszeit zugrunde gelegt werden. Das sind nach heu- tiger Rechnung 133.000 Euro pro Jahr bei 42 Stun- den Wochenarbeitszeit. Mehrarbeit ist zusätzlich zu vergüten. Von einer Kapitalrendite, wie sie sich Krankenhäuser ganz selbstverständlich nehmen, reden wir hier noch nicht einmal. Von diesen Wer- ten sind viel zu viele Ärztinnen und Ärzte, gerade auch in Hamburg, weit entfernt. Der Traumberuf darf nicht zum finanziellen Albtraum werden. Obwohl niedergelassene Ärzte das Rückgrat der ambulanten Versorgung sind und dies auch so empfinden, werden sie von vielen Seiten der- art begrenzt, dass sie sich im Stich gelassen füh- len. Bei einer persönlichen Arbeitsbelastung von durchschnittlich 56 (Hausärzte) und 53 (Fachärz- te) Arbeitsstunden fehlt 66 Prozent der Befrag- ten ausreichend Zeit für den Patienten. Dies und die ständig steigende Bürokratie sowie der wirt- schaftliche Druck dämpfen die Stimmung und führen dazu, dass 67 Prozent der Praxisärzte sich wünschen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Allein in den vergangenen zwei Jahren hat sich die wö- chentliche Arbeitszeit der Haus- und Fachärzte um zwei Stunden re- duziert. Hochgerechnet entfallen dadurch 13 Millionen Arbeitsstun- den im Jahr (bei 46 Arbeitswochen im Jahr). Die Reduzierung von Arbeitszeiten entspricht einerseits gesellschaft- lichen Tendenzen, ist aber andererseits auch das Ergebnis der politi- schen Rahmenbedingungen für die Niedergelassenen. Hinzu kommt, dass sich die „Generation Selbstausbeutung“, die bereit war, fast aus- schließlich für die Arbeit zu leben, demnächst in den Ruhestand ver- abschiedet. Eine Reduzierung der Arbeitszeit erscheint vor dem Hin- tergrund der Wünsche der nachwachsenden Ärztegeneration auch notwendig. Letzten Endes darf in Zukunft auch im niedergelassenen Bereich die Arbeitsbelastung das Niveau des Krankenhausarbeitsplat- zes „Oberarzt“ nicht übersteigen. Diese Änderungen gilt es bei der anstehenden Überarbeitung des Einheitlichen Bewertungsmaßstabes (EBM) umzusetzen: Dem kalkulatorischen Arztlohn muss ein Zu- schlag für das unternehmerische Risiko beigestellt, und die kalkulierte Arbeitszeit muss den Realitäten angepasst werden. Reine Kassenpraxis muss sich wieder rechnen Jeder vierte Haus- und Facharzt plant, in den kommenden fünf Jahren die Praxis abzugeben. Knapp die Hälfte davon sucht bereits aktiv ei- nen Nachfolger. Die Suche gestaltet sich jedoch alles andere als leicht. 58 Prozent hatten bislang keinen Erfolg. Dementsprechend sagen 74 Prozent, es sei eher schwierig oder sogar sehr schwierig, einen Praxis- nachfolger zu finden. In Hamburg gestaltet es sich zunehmend schwierig, Nachfolger in den sozia- len Brennpunkten der Stadt zu finden. Dies liegt ganz offenkundig an der Tatsache, dass Ärztinnen und Ärzte dort überwiegend auf Kasseneinnah- men angewiesen sind. Wenn Politik und Kassen eine Ungleichverteilung beklagen, dann haben sie selbst den Schlüssel zur Lösung in der Hand. Wenn sich eine reine Kassenpraxis wieder rech- net, so wie es vor 20 Jahren ja einmal war, dann gibt es das Problem nicht mehr. Es gibt genügend sozial engagierte Kolleginnen und Kollegen, die sich auch in den sozialen Brennpunkten nieder- lassen würden. Gerade diese Ärztinnen und Ärzte durch eine 30-prozentige Unterfinanzierung im Kassenbereich zu bestrafen und dann den Vor- wurf zu erheben, der Nachwuchs würde sich nur an pekuniären Gesichtspunkten orientieren, ist unverschämt. Dass die Praxen teilweise schwer verkäuflich sind, hat noch eine andere Konsequenz: Drei Viertel aller Niedergelassenen meinen, dass die Praxis ihre Funktion als Al- tersvorsorge verloren hat. Ein Modell, das bisher zum Wohl der Pati- enten und Ärzte gut funktioniert hat, gerät ins Wanken. Früher konn- ©KVH Befragung Die Arbeit in der eigenen Praxis ist kein Auslaufmodell. Sie wird von Ärztinnen und Ärzten als sehr erfüllend erlebt, so das Ergebnis des „Ärztemonitor 2014“. Von Dr. Dirk Heinrich Selbstständige Niederlassung – immer noch ein Traumberuf

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